Wiener Geschichten (6): Bettler im Burgtheater

Nach 7 Jahren zurück in Wien, und diesmal zum bleiben. Meine Freude: unmessbar, meine Koffer untragbar. Ich lasse meine Koffer so schnell wie möglich im Zimmer, nehme mein Fahrrad und mache eine Runde in der Stadt. Es ist Abend, aber noch hell und warm, ich fühle mich frei und froh. Ich glaube, ich sollte mich noch an alles erinnern, alle diese großen Gebäude, den Ring und die Gärten voll mit Leuten. Man denkt die Leute in Wien leben in den Gärten, in den vielen Parks, in den Kaffeehäusern; man denkt das ganze Leben sei ein modernes Kunst-Event.
Das Leben kann schöner werden, wenn man bunte Sessel im Museumsquartier liegen lässt. Ich will zum Theater gehen, ein Stück von Bernhard oder Schnitzler schauen, warum war der Bernhard denn so streng mit den liebevollen Wienern? Ich freue mich so sehr, Wienerisch wieder zu hören, damals hatte ich es komisch gefunden, ich fand es am Anfang schwer zu verstehen, ich wünschte, dass alle zu Hochdeutsch wechseln würden. Dann lernte ich langsam zum Spaß „wiederschauen“, „servus“ und „Ach sooo“ zu sagen und jetzt ist mir der wienerische Akzent so lieb. Irgendwie hat Wien ein Gleichgewicht zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd gefunden, irgendwie sind alle Künstler, die einmal hierher kamen, um sich mit anderen Künstlern zu treffen, noch hier anwesend. Wien ist die Stadt, wo auch ein Bettler der 2 Euro in seiner Tasche hat, ins Burgtheater geht. Und ich bin wieder da, um Neues zu erleben.
Angelina Vidali, Griechenland
Wiener Geschichten (5): Aufgebrauster Kontrolleur

Nach zweimonatigem Aufenthalt in Wien fuhr ich an einem Sonntag früh mit U6 Linie Richtung Neue Donau, um Joggen zu gehen. So unausgeschlafen und träge saß ich mit geschlossenen Augen in der U – Bahn, bis mich eine tiefe Stimme mit „Grüß Gott, ihre Fahrscheinausweise bitte“ aus meiner „Sonntagsmeditation“ riss.
Nun kam auch einer der zwei Kontrolleure zu mir und verlangte meinen Fahrschein. Aber, anstatt ihm meinen Fahrschein zu zeigen, verlangte ich seinen Kontrolleur – Ausweis, weil ich mir nicht sicher war, ob das ein „richtiger Kontrolleur“ war. In seinem Gesichtsausdruck sah ich, dass er etwas überrascht und verwirrt war. Er zeigte mir nur ganz kurz seinen Kontrolleur - Ausweis, aber das wirkte auf mich unglaubwürdig und ich bat ihn, mir seinen Ausweis noch einmal „richtig“ zu zeigen. Er verzerrte sein Gesicht und zeigte mir den nur unwillig wieder. Während ich mir seinen Ausweis unter die Lupe nahm, kam auch der zweite Kontrolleur und fragte: „Wos gibt`sn do für a Problem“? Ich antwortete, dass es keine Probleme gibt und dass ich nur sicher gehen will, dass ich den „echten“ Kontrolleuren meine Jahreskarte mit meinen persönlichen Daten zeige!
Kurz darauf zeigte ich auch meine Jahreskarte und wünschte den Kontrolleuren einen schönen Tag, nachdem sie mir meine Karte zurückgegeben hatten. Es kam schon die nächste Haltestelle, wo beide Kontrolleure, ohne ein Wort zu sagen, die U – Bahn verließen.
Ich schaute durch das U – Bahn Fenster hinaus und sah, wie sich die beiden aufgebrausten Kontrolleure auf eine Bank hinsetzten und nur ihre Köpfe schüttelten.
Meine Absicht war es nicht, die beiden wütend zu machen oder die Leute in der U – Bahn zum Lachen zu bringen, sondern mir kam es seltsam vor, an einem Sonntag kontrolliert zu werden.
Jetzt, wenn ich an das Ereignis denke, muss ich lachen.
Edi, Bosnien- und Herzegowina
Wiener Geschichten (4): „Kein Zirkus“

Als erstes habe ich mich in Wien darüber gewundert, dass mich die Verkäuferinnen im Geschäft begrüßt und dann höflich „Auf Wiedersehen“ gesagt haben, dass machen die Verkäuferinnen in der Ukraine nicht. Dafür kann es passieren, dass eine ukrainische Verkäuferin dich gleich nach deinem Privatleben fragt.
In Wien ist das Privatleben ein Geheimnis. Man darf z.B. einen Mann nicht fragen, ob er verheiratet ist, wenn man ihn noch nicht lange kennt.
Ich habe Glück gehabt, ich bin nach Wien gekommen und habe Ballett studiert. Die österreichischen Lehrerinnen sind viel netter und loben mehr als unsere, die immer sagen, wir würden tanzen wie die Invaliden. Dafür interessieren die Österreicherinnen sich nicht für unser Privatleben. In unserer Klasse in Wien waren Kinder aus Australien, Russland, der Ukraine, Japan u. s.w. und niemand hat gefragt, was wir in unserer Freizeit machen. Durch diese neue Freiheit musste ich schnell selbstständig werden.
Ich habe zuerst viele russische Freunde gefunden. Es ist sehr schön, dass es in Wien so viele Ausländer gibt. Chinesen finden Chinesen, Russen – Russen, Serben – Serben u.s.w. Nachdem ich mich schon ein bisschen an Wien gewöhnt hatte, wollte ich gerne mehr Österreicher kennenlernen und mehr über ihre Kultur wissen. Das war gar nicht so leicht. Bis jetzt verstehe ich nicht alles und kenne nicht viele Österreicher. Das ist schade, weil ich hier lebe.
Aber Wien hat trotzdem etwas Magisches, wer hier einmal gewohnt hat, möchte nicht zurück.Wien ist eine schöne, zivilisierte, musikalische Stadt. Man kann immer etwas Interessantes erleben, braucht nur viel Zeit. Es gibt eine große Auswahl an Opern, Ballett, Ausstellungen, das gefällt mir. Nur eins verstehe ich nicht: wieso gibt es keinen festen Zirkus? In der Ukraine gibt’s in vielen Städten einen eigenen Zirkus. Alle Kinder gehen die ganze Kindheit viel in den Zirkus. Ich denke, in allen Ländern fehlt etwas und gibt es etwas Neues und Interessantes!
Vera Aleksenko, Ukraine
Wiener Geschichten (3): Wien wartet auf dich

„Mahlzeit“, sagte jemand in einer Tankstelle, als ich einen Apfel aß. Das war das erste Wort, das ich in Wien hörte. Was denkt ihr: habe ich das verstanden? Habe ich etwas geantwortet? Ihr habt Recht – nein. Zum ersten Mal lernte ich das österreichische Deutsch kennen.
Als ich zum ersten Mal aus Litauen nach Wien kam, war Montag. Ich dachte: „eine riesige, eilige und grüne Stadt – genau das, was ich brauche“.
Am Anfang meiner Zeit hier war alles unbekannt und fremd. Viele Leute auf den Straßen, volle Cafés und Restaurants, ganz gleich ob Tag oder Abend ist; separate Fahrradwege und Parkwächter im Stadtpark – alles war ganz anders als in meiner Heimat.
Mein bester Freund war am ersten Tag die Karte. Wenn ich irgendwo hingehen musste, ging ich zur Sicherheit zwei Stunden früher los. Ich fand z.B. den Chor „Neue Wiener Stimmen“ mit Hilfe der Karte erst nach einer Stunde, weil ich mich in den schönen Wiener Gassen verlief.
Was mich bis heute überrascht, ist, dass die meisten Geschäfte nur bis 19 Uhr und die Banken nur bis 12.30 Uhr arbeiten. Ansonsten ist nur die Kirche geöffnet und wartet am Sonntag auf Leute! :)
Obwohl die Menschen bei uns keine Kastanien essen und es bei uns keine U-Bahnen gibt, gewöhne ich mich Schritt für Schritt an all das in Wien. Ich mag große Parks, kleine Geschäfte im Zentrum, verschiedene, freie und freundliche Menschen – das ist alles, was Wien bietet.
Als ich in Wien ankam, fühlte ich mich hier sehr willkommen. Wie es im Lied von Billy Joel heißt :
,, When will you realize, Vienna waits for you ’’
Eivina Ziziunaite, Litauen
Wiener Geschichten (2): Topfen versus Quark

Eines Morgens war ich in Wien beim Einkaufen. Da ich schon ziemlich lange erfolglos nach Quark suchte, fiel mir ein, mich an Personal zu wenden. Das war aber eine folgenschwere Entscheidung.
Ich habe ziemlich schnell eine Mitarbeiterin gefunden und sie gefragt, wie ich zu Quark komme. Die Frau hat große Augen gemacht und mich böse angeschaut. Nach einer Pause erwiderte sie: „Meinten Sie, junger Mann, Topfen?“
Später erfuhr ich von meinem österreichischen Nachbarn im Studentenheim, dass ich doch Topfen meinte. Er erklärte mir, dass hier in Wien eine österreichische Variante des Deutschen gesprochen wird. Mein Geburtstag habe ich nicht im Januar, sondern im Jänner, Topfen steht für Quark. Und wenn in einem Supermarkt in Wien auf einem Schild Ribisel steht, sind das rote Johannisbeeren und sie haben sogar den gleichen Geschmack.
Die meisten Wiener verstehen Wörter aus der hochdeutschen Sprache. Aber besser ist, wenn man trotzdem österreichische Begriffe benutzt. Dann werden sie keine großen Augen machen und dich böse anschauen. Besser ist, dass man mit den Menschen in ihrer Sprache redet. Das habe ich aus der Geschichte deutlich gelernt.
Denis Polivin, Russland
Wiener Geschichten (1): Veränderung

Nichts hassen die Leute in Wien mehr, als wenn sich etwas verändert. Die Wiener Linien informieren ihre Kunden deshalb schon jetzt, dass die heruntergekommene U-Bahn-Passage am Karlsplatz in drei Jahren neu gestrichen wird. So haben alle genug Zeit, sich daran zu gewöhnen.
Tradition ist wichtig: Als ich vor kurzem auf einem Konzert war, das zum zweiten Mal stattfand, freute sich der Moderator: „Dieses Konzert ist dabei, eine schöne Tradition zu werden“.
Bei uns in Shanghai, wo über Nacht ganze Straßenzüge ausgetauscht werden, könnte man das nicht verstehen. In Wien haben viele Leute auf Facebook protestiert, als die Ansage in der U-Bahn von „Zug fährt ab!“ in „Zurückbleiben, bitte!“ geändert wurde. Als Reaktion auf die Proteste sagt die Sprecherin jetzt beides: den neuen Spruch nach dem Einsteigen, den alten, wenn die U-Bahn schon abgefahren ist.
Mit diesem Blick zurück haben die Leute in Wien es geschafft, die schönste und lebenswerteste Stadt der Welt zu errichten. Weiter so!
Bing Liu, China
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